Sanne – ein Engel kam und ging

Sanne und ich lernten uns 2008 im Internet kennen. Wir hatten beide zu diesem Zeitpunkt nicht vor, eine neue Bezieheng einzugehen. Daher vergingen fast sechs Monate, bis wir uns das erste Mal trafen.
Sanne wohnte in Ostfriesland, sie fuhr mit dem Zug zu mir und ich holte sie am Bahnhof ab.
In den darauf folgten Wochen trafen wir uns regelmäßig und wir beschlossen, zusammen zu ziehen. Nach sechs Monaten zog sie zu mir und nach weiteren drei Monaten zogen wir in eine größere Wohnung. Sanne übernahm einen Teil meiner Assistenz, das war vom Gesetzgeber so vorgeschrieben – und zugleich führten wir eine „normale“ Beziehung zu zweit.
Es begann zeitgleich die Zeit, zu der ich auch anfing, Inklusionsveranstaltungen zu organisieren. Sanne wurde zu meinem Rückgrat in jeglicher Hinsicht. Sie stärkte mein Selbstvertrauen, zog aber auch die Notbremse, wenn ich mal wieder mit dem Kopf durch die Wand wollte.
Wir hatten viele schöne gemeinsame Urlaube, doch der schönste Urlaub war für mich im Jahr 2010, als wir das erste Mal bei meinen Eltern in Kalabrien waren. Durch Sanne durfte ich zum ersten Mal die Stadt, in der meine Eltern wohnen, richtig bewundern. Wir mieteten uns ein Auto und obwohl es in Kalabrien nicht einfach ist, Auto zu fahren, meisterte Sanne diese Herausforderung mit Bravour.
Die ersten zwei Jahre unserer Beziehung rasten förmlich an uns vorbei. Wie glücklich ich in dieser Zeit war, wurde mir erst zu einem späteren Zeitpunkt bewusst.

Dezember 2011: Sanne bekam die Diagnose Krebs. Diese Diagnose drehte unser Leben um 360 Grad. Die strahlenden Augen von Sanne verdunkelten sich von einer Sekunde auf die andere und ihr Satz „Es tut mir leid“ war mir schon beim ersten Mal zu viel. Sanne entschuldigte sich bereits im Vorfeld für die Krankheit und deren Folgen. Es begann die Zeit der Chemos, des Bangens, der Hoffnung und der Angst, bei der jeweiligen dreimonatigen Kontrolluntersuchung eine Verschlechterung festzustellen.
Sannes Krankheit sah ich nicht bzw. wollte sie nicht sehen. Allerdings war ich gezwungen, meine Unterstützung wieder komplett durch Assistenten abzudecken. Diese Umstellung wurde zur Zerreißprobe für mich, erst jetzt wurde mir bewusst, wie wichtig Sanne für mich geworden war. Gegen die Krankheit kämpfte sie täglich und ich versuchte stets, dieses Thema klein zu halten. Es prasselten oft zwei „Welten“ aufeinander mit ganz unterschiedlichen Ausrichtungen. In dieser Zeit erzählte sie mir oft, dass ihre Kräfte zunehmend weniger wurden, doch ich forderte sie immer wieder neu heraus.
Es gelang uns trotz erschwerten Bedingungen, immer Zeit für uns zu finden, was uns gut tat. Doch diese Zeit reichte mir nie aus und ich wollte immer mehr. Die Angst sie zu verlieren „wohnte“ in mir. Sanne unterstütze mich bei meinen Projekten weiterhin, sie ließ so lange nicht locker, bis ich wieder eine neue Idee hatte.
Ihr Gesundheitszustand wurde zunehmend instabiler, doch meine Augen waren blind, ich sah sie immer noch als gesunde Frau an. Obwohl unser Alltag immer stressiger wurde, nahmen meine Freizeitaktivitäten zu. Sanne hatte selbst wenig Kraft, doch sie hatte nach wie vor diese Fähigkeit, mich bedingungslos zu bestärken. Irgendwann kam die Zeit, da wollte sie mit mir über den Ablauf ihrer Beerdigung sprechen. Dieses lehnte ich leider immer ab, weil ich immer dachte, es ist noch viel zu früh. Es war vermutlich einer dieser Augenblicke, an dem sie sich entschloss, mir aus Schutz nicht zu sagen, dass sie nicht mehr lange an meiner Seite sein würde.

Sanne verstarb im September 2015 bei uns zu Hause, diesen Wunsch hatte sie immer wieder geäußert. Ich durfte bei ihr sein, als sie zum Engel wurde.

Man sagt oft zu mir, ich sei „eine starke Person“. Diese Formulierung hat für mich durch Sanne eine ganz neue Dimension bekommen. Sanne hat um ihr Leben gekämpft, mich dabei nie aus ihren Augen verloren und ihre letzte Entscheidung mit sich selbst ausgemacht!
Für mich ist Sanne die stärkste Person, die ich kennenlernen durfte und die ich nach wie vor sehr vermisse.

Aktualisierung Juli 2018:
Dieser Lebensabschnitt machte mich stärker und schwächer zugleich.
Stärker, weil ich ganz unten angekommen war, mich neu orientieren musste und mich nicht aufgeben durfte.
Schwächer, weil die durchlebten Erfahrungen nun stets in mir präsent sind und die Angst, einen nahestehenden Menschen zu verlieren, stets in mir wohnt.

Ein neues Kapitel ist nun eröffnet und es fühlt sich gut an!